Geschichte der Reeperbahn

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ...

Von der Hamburger Vorstadt zum pulsierenden Herz der Elbmetropole

Stinkende Vorstadt

Als der Stadtteil St. Pauli Anfang des 17. Jahrhunderts als Vorstadt gegründet wurde, hieß er noch Hamburger Berg. Der gleichnamige „Hügel“ war 1620 planiert worden, um ein freies Schussfeld vor den Stadtmauern am damaligen Millerntor zu haben. Deshalb war auch zunächst eine Bebauung aus diesem Grund verboten. Jedoch wurden nur kurze Zeit später Gebäude, deren Betrieb starke Gerüche, Lärm und Wasserverschmutzung verursachten, dorthin verbannt. Auch die Reepschläger, die wegen der immer weiter fortschreitenden Bebauung der Hamburger Innenstadt für das Trocknen ihrer Seile im Laufe der Zeit zu wenig Platz hatten, wichen auf die Vorstadt aus.

Offiziell war das Wohnen auf dem Hamburger Berg erst ab Ende des 17. Jahrhunderts erlaubt. Ab diesem Zeitpunkt verlegte die Stadt Hamburg zudem die Pest-, Kranken- und Armenhäuser dorthin. Etwa zur gleichen Zeit begann auch die Tradition des Amüsierbetriebs in diesem Gebiet.

 

ERSTMALIGE ZERSTÖRUNG DURCH NAPOLEONS TRUPPEN

Unter der napoleonischen Besatzung Anfang des 19. Jahrhunderts wurde St. Pauli von den Franzosen vollständig zerstört. 5000 Wohnungen, Lokale und Tanzsäle wurden über Nacht niedergebrannt - wiederum um ein freies Schussfeld zu haben. Nach dem Abzug der Franzosen wurde die Vorstadt sehr schnell wieder aufgebaut und bereits 1820 war der vorherige Zustand wieder hergestellt.

Geschichte der Reeperbahn

Aufstieg des Amüsierviertels und Eingemeindung

Erst 1833 wurde der Hamburger Berg in das Stadtgebiet aufgenommen und in St. Pauli umbenannt, auch wenn der Stadtteil immer noch außerhalb der Stadtmauern lag. Ende des 19. Jahrhunderts war der Aufstieg der Amüsierbetriebe nicht mehr aufzuhalten. Die Bretterbuden auf dem deshalb so genannten Spielbudenplatz wurden ersetzt durch feste Bauten, in denen Theater, Varietés, Trinkhallen und andere Amüsierbetriebe einzogen.

Es entstanden die so genannten Hamburger Singspiele – Volksstücke mit Musik, eine Art typisch Hamburger Operette. Besonders beliebt waren die Gebrüder Wolff, die „Jungs mit dem Tüddelband“. Aber auch moderne Schauspiele von Ibsen oder Opern von Richard Wagner wurden aufgeführt. Auch der erste Kinosaal Hamburgs öffnete hier seine Pforten. Gegenüber dem Operettenhaus stand die Volksoper, architektonisch mit dem Wiener Burgtheater vergleichbar. Dort sangen Stars wie der weltberühmte Tenor Richard Tauber.

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Zerstörung der Freiheit und Vielfalt des Stadtteils

Durch den Hafen und die bunte Amüsiermeile wurde St. Pauli zum ersten Schmelztiegel der Kulturen und Nationen – „Multikulti“ würde man heute sagen. Es gibt bis heute noch das Spanier- und Portugiesenviertel. In der Schmuckstrasse befand sich sogar Anfang des 20. Jahrhunderts ein kleines Chinatown. 1943 wurden jedoch die letzten der 350 Chinesen von den Nazis in das Konzentrationslager Neuengamme deportiert.

Die Nazis wollten St. Pauli erneut komplett zerstören und ein groß angelegtes Parteizentrum errichten. Doch daraus wurde nichts, stattdessen gab es für den Amüsierbetrieb weitere Repressalien wie das „Animierverbot“: Die Stripperinnen durften sich zwar weiterhin ausziehen, doch in dem Moment, in dem die „letzte Hülle“ fiel, mussten sie starr stehen bleiben, eben nicht mehr animieren. Später wurde dann noch das Strippen komplett verboten – wie auch die Prostitution. Selbst den Nazis war klar, dass ein totales Verbot dieses typischen Gewerbes hier nicht mit aller Konsequenz durchzusetzen war. Also wurde es nur in einer Gasse geduldet – in der Herbertstraße. Damit aber niemand im Vorbeigehen sehen konnte, was eigentlich nicht sein durfte, ließ die Gauleitung Sichtblenden davor errichten – und die stehen bis heute davor.

Nach dem 2. Weltkrieg war der größte Teil der Gründerzeitbebauung St. Paulis durch Bomben zerstört. Dank der beiden Bunker – der eine auf dem Heiligengeistfeld, der andere dort, wo heute das Parkhaus unter dem Spielbudenplatz liegt – konnten sich viele Anwohner vor dem unbeschreiblichen Bombenhagel in den letzten Kriegsmonaten retten. Tagelang war kein Sonnenlicht über Hamburg zu sehen. Die Rauchschwaden der Feuersbrunst verdunkelten den Himmel. Der Wiederaufbau begann.

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Die Nachkriegszeit

Als Vergnügungsviertel beherbergt St. Pauli heute eine Vielzahl an Musik-Clubs, Kneipen und Diskotheken unterschiedlichster Stilrichtungen und Qualität, die jedes Wochenende Ziel von Hamburgern und Touristen sind. Viele Musik-Trends kamen aus England und anderen Ländern über St. Pauli nach Deutschland und Europa. Der legendäre Star-Club, in dem einst die Beatles begannen, ist ein Beispiel dafür.

Ende der 80er Jahre begann eine neue kulturelle Ära des Stadtteils. Das Schmidt Theater und das Musical „Cats“ ergänzten das Angebot des St. Pauli Theaters, das mit seiner über 160-jährigen Tradition Hamburgs ältestes Theater ist. Es folgten das Schmidts Tivoli, das Imperial Theater und die Fliegenden Bauten. Mittlerweile locken die sieben Bühnen rund um den Kiez jährlich 1,5 Millionen Besucher an. Und alle aus eigener Kraft und ohne öffentliche Subventionen.

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